Recherchereise in Mazedonien

03/03/2015 01:31 0 comments

Seit gestern sind wir in Mazedonien unterwegs, um dort die aktuelle Situation dort lebender und dorthin abgeschobener Roma zu recherchieren. Als wir an unserem ersten Tag in Skopje auf dem Rückweg von Suto Orizari nach Topana sind, einer Mahala zwischen dem Zentrum und Suto Orizari, treffen wir zufällig auf Bajram Severdžan Koljo, einen der Hauptdarsteller aus dem Film “Schwarze Katze, weißer Kater” von Emir Kusturica.

BajramSeverdžan_k

Bajram Severdžan Koljo

Vielen Menschen ist dieser Film bekannt, er ist populär und gilt als Kultfilm.

Der Schauspieler Severdžan Bajram Koljo wird sofort mit den chaotischen und komischen Szenen des Kusturica-Filmes in Verbindung gebracht. Möglicherweise denkt man: »Dieser Mann ist berühmt, er führt ein luxuriöses Leben, er ist nicht betroffen von all dem Elend«, welches man oft in Verbindung mit Roma in Ex-Jugoslawien bringt.

Als wir ihn treffen, steht er vor einer kleinen, hell erleuchteten Teestube, die für viele junge und ältere Männer ein Treffpunkt zu sein scheint.

Er unterscheidet sich äußerlich in nichts von den anderen Männern, die vor und in der Teestube stehen, aber ein Freund aus Suto Orizari zeigt ihn uns im Vorbeifahren, wir halten und sprechen ihn an.

Er lädt uns ein in ein Restaurant außerhalb der Mahala und erzählt uns seine Geschichte. Auch er wohnt in Topana und genießt keinerlei Luxus. Er führt ein bescheidenes Leben, er ist auf dem Boden geblieben trotz weiterer Engagements und Rollen in diversen Filmen.

Als wir ihn um eine Einschätzung der Lebenssituation der Roma aus seiner Perspektive bitten, erzählt er uns, dass es vor allem im medizinischen Bereich an Roma mangelt. Es gibt mehrere tausend Frauen in den Mahalas in und um Skopje, aber keine einzige Gynäkologin aus der Mitte der Roma Gesellschaft, was ein großes Problem ist. Er erzählt uns, dass viele mazedonische GynäkologInnen keine Roma untersuchen wollen – es gibt starke Vorbehalte und Berührungsängste bis hin zu offener Ablehnung ihnen gegenüber. Dies führt dazu, dass viele Roma Frauen sich keiner Untersuchung unterziehen, weil die nötige Vertrauensbasis so nicht aufgebaut werden kann, was gerade bei so sensiblen Situationen wie einer gynäkologischen Untersuchungen essentiell ist. Das bedeutet einen Mangel an wichtiger Gesundheitsversorgung für Roma.

Er ist auch der Meinung, dass dies eine Situation ist, die nur die Roma selbst positiv verändern können, zum Beispiel indem sie den Weg der Bildung gehen, das heißt die Schule besuchen trotz aller Diskriminierung und sich entschließen, auch die Berufe zu ergreifen, die bisher von kaum bis gar keinen Roma ausgeübt werden aber notwendig wären. So gibt es zwar viele PädagogInnen und das Interesse im Bereich Wirtschaft zu arbeiten, aber hauptsächlich im medizinischen Bereich mangelt es an Roma.

Die Politik kümmert sich allerdings auch nicht darum, Anreize oder Perspektiven zu schaffen, um den Weg dahin zu erleichtern, der für viele Roma ohnehin ungleich schwerer ist als für Angehörige der Mehrheitsgesellschaft. Auch Bildung hilft nicht, wenn dann die Wege in die Praxis verwehrt bleiben und anschließend kein Zugang zum Arbeitsmarkt besteht. Es gibt viele weitere Einschränkungen, er erzählt uns von einer Schauspiel-Kollegin, die an der Grenze zurückgeschickt wurde und der damit die Möglichkeit verwehrt wurde, das Land zu verlassen – wie vielen anderen Roma auch.

Wir lernen einen sehr reflektierten und authentischen Menschen kennen, der – anders als in den bekannten Szenen – auch ernsthaft und nachdenklich sein kann. Er gibt neben persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen auch seine Einschätzung der Lebenssituation der Roma wieder als einer, der trotz seiner Position als Profi-Schauspieler mitten in der Mahala lebt und weder verbittert, noch abgehoben ist, sondern ein Leben wie viele andere auch führt.

Nach unserem Gespräch setzen wir ihn wieder vor der Bar ab, vor der wir ihn getroffen haben. Umringt von Kindern und Männern, plaudernd verabschieden wir ihn und bedanken uns für seine Offenheit.

Auch in den nächsten Tagen werden wir mit vielen Menschen sprechen und weiter davon berichten!

Leave a Reply


 

Weitere Nachrichten

  • News Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    In Deutschland leben aktuell mehr als 11 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. 1,5 Mio von ihnen haben keinen deutschen Pass, obwohl sie hier geboren sind. Zugleich liegt die Einbürgerungsquote mit unter 2% im unteren Drittel der EU. Wenn Menschen, die seit Jahren hier leben oder hier geboren sind, nicht vor Abschiebung geschützt sind, nicht wählen dürfen und in ihrem Alltag zahlreichen Beschränkungen unterliegen, ist das nicht nur ungerecht, sondern auch ein massives Demokratiedefizit! Auch angesichts rechtsterroristischer Anschläge und Alltagsrassismus ist […]

    Read more →
  • News 30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    Mittwoch, 30.11.2022 – 18.00 Uhr – Geschwister-Scholl-Platz Welche Sicherheit? Wessen Sicherheit? Wir haben ein Sicherheitsproblem! Am 08. August 2022 erschießt die Polizei den 16-jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der aus dem Senegal nach Deutschland geflüchtet war. Die Betreuer*innen seiner Jugendhilfeeinrichtung hatten die Polizei verständigt, um eine Selbstverletzung zu verhindern, da er sich in einer psychischen Krise befand. Als die Polizei eintraf, saß Mouhamed in einem Innenhof. Es ging keine Gefahr von ihm aus, trotzdem griffen die Polizist*innen ihn an und schossen […]

    Read more →
  • News Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August Im August 1992 haben Rechtsextreme und „besorgte Bürger:innen“ tagelang Geflüchtete, vor allem Roma, sowie vietnamesische Vertragsarbeiter:innen angegriffen und ihre Unterkünfte in Brand gesteckt. Dieser Pogrom war das Ergebnis der politischen und medialen Hetze gegen Geflüchtete Anfang der 1990er Jahre. Fokus dieser rassistischen Debatten waren Roma. In 2022 jährt sich dieser schlimmste Angriff auf Geflüchtete in der Nachwendezeit zum 30. Mal. Aus diesem Anlass findet am 27. August […]

    Read more →
  • Material News Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Mögliche Perspektiven oder weiterhin Aufenthalte auf Probe? Der Bundes Roma Verband begrüßt die Weiterentwicklung des Aufenthaltsrechtes und die neu geschaffenen Möglichkeiten für viele langjährig Geduldete in der Bundesrepublik Deutschland. Der BRV kritisiert aber die Nichtbeachtung der Interessen und der Situation vieler in Deutschland lebender Roma. Aufgrund der Desintegrationspolitik der letzten Jahrzehnte werden Langzeitgeduldete es auch weiterhin schwer haben, die geforderten Bedingungen zu erfüllen. Gleichzeitig wird es Ausländerbehörden nach wie vor leicht gemacht, die neuen Möglichkeiten für schutzsuchende Roma nicht anzuwenden. […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News spende Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Am 26. April fährt die Delegation des Roma Centers in Göttingen los und kommt um 3 Uhr morgens in Krakau an. Nach wenigen Stunden Schlaf treffen wir uns mit der Vorsitzenden und weiteren Ehrenamtlichen der polnischen Roma-NGO Harangos. In einem Hostel haben sie mehr als 100 Roma, überwiegend Frauen und Kinder, untergebracht, die aus der Ukraine geflohen sind und von den offiziellen Unterstützungs-Strukturen komplett im Stich gelassen wurden. Nachdem wir von ihrer desolaten Situation erfahren hatten, haben wir mit mehreren […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Am 16. Mai ist International Roma Resistance Day. An diesem Tag fand 2022 die Eröffnung der EU-Roma Week im Europaparlament in Brüssel statt. Die Kosovo Roma Rights Coalition (KRRC), ein Zusammenschluss von Roma-Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern, hat dort die Veranstaltung »Justice for Kosovo Roma« durchgeführt. Die Veranstaltung wurde gestreamt, jedoch ist die Übersetzung der Beiträge von Romanes auf Englisch eher schwach, daher berichten wir hier ausführlich darüber. In Europa erleben wir derzeit einen Krieg, in dem Roma nicht nur […]

    Read more →
  • News Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Samstag, 7. Mai 2022 Demonstration um 14 Uhr am Gänseliesel, Göttingen. Vor wievielen Kriegen Roma geflohen sind, in wievielen Kriegen sie vertrieben wurden, können wir nicht mehr zählen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden 1,5 Millionen Roma und Sinti aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet. Der Porajmos, die Vernichtung der Roma im Zweiten Weltkrieg, war die bisher schlimmste Phase in der Verfolgungsgeschichte der Roma. Roma trugen einen bedeutenden Teil zur Befreiung bei. Sie kämpften in der Roten Armee, bei den Partisanen, […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Nicht alle Roma verlassen die Ukraine und nicht alle werden Opfer diskriminierender Behandlungen. Doch die Berichte über Diskriminierung von Romnja* an den Grenzen nehmen zu. Sie werden nicht in Autos mitgenommen, Busunternehmen weisen sie ab. In den Ankunftsorten werden sie aus unerfindlichen Gründen von den „weißen“ Ukrainer:innen separiert. Auch in den Ankunftsorten in Deutschland gibt es Schwierigkeiten. Es braucht große Räume Überwiegend Frauen und Kinder sind auf der Flucht, mit Jugendlichen und manchmal pflegebedürftigen Angehörigen. Sie mussten sich von ihren […]

    Read more →