Kein Geld für die Beerdigung

15/03/2015 12:04 0 comments

!cid_1B43E854CCE04FF69C424FE3282BB472@tripxPC

Mazedonien:

Kein Geld für die Beerdigung

In Topana, der ältesten Mahala im Zentrum von Skopje. Eng verwinkelte und schwach beleuchtete Straßen, wir besuchen eine Familie in einem kleinen Haus, ein Raum, in dem leben die beiden Eltern mit ihren dreizehn und vierzehn Jahre alten Söhnen.

!cid_FC89A86DF1C148399B8E669401DF3B06@tripxPCDie Familie trauert. Das jüngste Kind starb zwanzig Tage nach der Geburt im Krankenhaus an einem Herzfehler. Wo und wie das Baby beerdigt wurde ist unklar, die Eltern konnten es nicht selbst beerdigen, es fehlte ihnen an Geld. Im Krankenhaus hieß es, es werde sich gekümmert, sie sollten sich keine Gedanken machen. »Es war denen egal«, sagt die Familie über die Haltung, die ihnen im Krankenhaus entgegengebracht wurde. Mit der Trauer blieben die Eltern allein, niemand sprach mit ihnen. Die Mutter leidet an Depressionen, erzählen sie. Auf die Frage, ob sie behandelt wird wegen ihrer Depressionen, sagen sie »von was?«. Sie müssten – trotz Krankenversicherung – für alles zuzahlen. Nur die absolute Grundversorgung ist abgedeckt, Medikamente wie Antidepressiva oder eine Psychotherapie müssten sie selbst bezahlen.

Arbeit gibt es keine, erzählt der Mann. Er versucht, etwas Geld zu verdienen, indem er Plastik und Pappe sammelt und dies auf dem Wertstoffhof abgibt. Oder er arbeitet als Tagelöhner, über den sogenannten Arbeitsstrich. Dann stellt er sich an die Straße und wartet darauf, dass jemand, der billige Arbeitskräfte sucht, anhält. Oft gibt es dort nur für einen Tag Arbeit, Aushilfsarbeiten wie malen oder auf dem Bau. Man muss Glück haben, dort stehen viele. Der Lohn liegt bei ca. 2 Euro für einen Tag Arbeit ohne Aussicht auf längerfristige Beschäftigung.

!cid_4E21890401994536B2C9BCADB7545C2F@tripxPCDie Familie bekommt insgesamt 25,- Euro Sozialhilfe pro Monat. Kein Kindergeld. Die beiden Söhne besuchen die Schule im Ort. Die Hälfte der Sozialhilfe geht für Kosten drauf, die in der Schule anfallen. Nach der Schule noch Zeit zum Lernen haben die Kinder selten, und auch keinen Platz.

!cid_61A187CF9CEE45CE8B5210FA113CCAF8@tripxPCStrom und Wasser, ein Bad… gibt es nicht. Zwei Kerzen als Lichtquelle – es ist dunkel. Und einen Holzofen – es ist sehr warm. Wir nutzen die Taschenlampe eines Telefons, um Aufnahmen zu machen. Das Wasser, so erzählen sie, bekommen sie vom Nachbarn, damit können sie sich wenigstens draußen waschen.

Wenn der Vater stirbt, müssen sie das Haus, welches auf den Bruder überschrieben wurde, verlassen. »Dann müssen wir auf die Straße«, sagen sie. Häuser zu mieten kann sich hier kaum einer leisten. Viele Menschen in Topana haben keine Papiere für ihre Häuser, in denen sie leben. Die US-amerikanische Botschaft liegt genau neben Topana und die Befürchtungen groß, dass diese ihre bereits jetzt riesige Basis in Richtung Topana noch weiter vergrößert. Es gibt zwar vereinzelt Legalisierungen, für wenig Geld pro Quadratmeter können die eigenen Häuser nach und nach offiziell gekauft werden – aber nicht überall in Topana.

!cid_2BF8B822983948AC9E5F25FD347D4D80@tripxPCVielen Menschen versuchen, in Westeuropa ein neues Leben zu beginnen, eines mit einer Perspektive für die Zukunft. Sie zeigen uns Fotos auf einem Telefon: Nach einer Abschiebung wurden die Pässe an der mazedonischen Grenze markiert. Diese Markierung besteht aus zwei kleinen Strichen oder den Buchstaben AZ im Pass. Roma, die diese Markierung im Pass haben, wurde in vielen Fällen die Auszahlung der Sozialhilfe für einen Zeitraum bis zu einem Jahr verwehrt. Es gibt Arbeitsverbote und andere drohende Strafen. Viele haben Angst, darüber zu sprechen.

Wir treffen in Mazedonien viele Menschen, die uns traurige Geschichten erzählen, die nichts zu tun haben mit der abstrakten Definition »sicherer Herkunftsstaat«.

!cid_0D05FD218FEE4013A977CBB35F2DD510@tripxPC !cid_3E307134D0044070B29D5A15FE8FBFD0@tripxPC

Leave a Reply


 

Weitere Nachrichten

  • News Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    In Deutschland leben aktuell mehr als 11 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. 1,5 Mio von ihnen haben keinen deutschen Pass, obwohl sie hier geboren sind. Zugleich liegt die Einbürgerungsquote mit unter 2% im unteren Drittel der EU. Wenn Menschen, die seit Jahren hier leben oder hier geboren sind, nicht vor Abschiebung geschützt sind, nicht wählen dürfen und in ihrem Alltag zahlreichen Beschränkungen unterliegen, ist das nicht nur ungerecht, sondern auch ein massives Demokratiedefizit! Auch angesichts rechtsterroristischer Anschläge und Alltagsrassismus ist […]

    Read more →
  • News 30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    Mittwoch, 30.11.2022 – 18.00 Uhr – Geschwister-Scholl-Platz Welche Sicherheit? Wessen Sicherheit? Wir haben ein Sicherheitsproblem! Am 08. August 2022 erschießt die Polizei den 16-jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der aus dem Senegal nach Deutschland geflüchtet war. Die Betreuer*innen seiner Jugendhilfeeinrichtung hatten die Polizei verständigt, um eine Selbstverletzung zu verhindern, da er sich in einer psychischen Krise befand. Als die Polizei eintraf, saß Mouhamed in einem Innenhof. Es ging keine Gefahr von ihm aus, trotzdem griffen die Polizist*innen ihn an und schossen […]

    Read more →
  • News Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August Im August 1992 haben Rechtsextreme und „besorgte Bürger:innen“ tagelang Geflüchtete, vor allem Roma, sowie vietnamesische Vertragsarbeiter:innen angegriffen und ihre Unterkünfte in Brand gesteckt. Dieser Pogrom war das Ergebnis der politischen und medialen Hetze gegen Geflüchtete Anfang der 1990er Jahre. Fokus dieser rassistischen Debatten waren Roma. In 2022 jährt sich dieser schlimmste Angriff auf Geflüchtete in der Nachwendezeit zum 30. Mal. Aus diesem Anlass findet am 27. August […]

    Read more →
  • Material News Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Mögliche Perspektiven oder weiterhin Aufenthalte auf Probe? Der Bundes Roma Verband begrüßt die Weiterentwicklung des Aufenthaltsrechtes und die neu geschaffenen Möglichkeiten für viele langjährig Geduldete in der Bundesrepublik Deutschland. Der BRV kritisiert aber die Nichtbeachtung der Interessen und der Situation vieler in Deutschland lebender Roma. Aufgrund der Desintegrationspolitik der letzten Jahrzehnte werden Langzeitgeduldete es auch weiterhin schwer haben, die geforderten Bedingungen zu erfüllen. Gleichzeitig wird es Ausländerbehörden nach wie vor leicht gemacht, die neuen Möglichkeiten für schutzsuchende Roma nicht anzuwenden. […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News spende Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Am 26. April fährt die Delegation des Roma Centers in Göttingen los und kommt um 3 Uhr morgens in Krakau an. Nach wenigen Stunden Schlaf treffen wir uns mit der Vorsitzenden und weiteren Ehrenamtlichen der polnischen Roma-NGO Harangos. In einem Hostel haben sie mehr als 100 Roma, überwiegend Frauen und Kinder, untergebracht, die aus der Ukraine geflohen sind und von den offiziellen Unterstützungs-Strukturen komplett im Stich gelassen wurden. Nachdem wir von ihrer desolaten Situation erfahren hatten, haben wir mit mehreren […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Am 16. Mai ist International Roma Resistance Day. An diesem Tag fand 2022 die Eröffnung der EU-Roma Week im Europaparlament in Brüssel statt. Die Kosovo Roma Rights Coalition (KRRC), ein Zusammenschluss von Roma-Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern, hat dort die Veranstaltung »Justice for Kosovo Roma« durchgeführt. Die Veranstaltung wurde gestreamt, jedoch ist die Übersetzung der Beiträge von Romanes auf Englisch eher schwach, daher berichten wir hier ausführlich darüber. In Europa erleben wir derzeit einen Krieg, in dem Roma nicht nur […]

    Read more →
  • News Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Samstag, 7. Mai 2022 Demonstration um 14 Uhr am Gänseliesel, Göttingen. Vor wievielen Kriegen Roma geflohen sind, in wievielen Kriegen sie vertrieben wurden, können wir nicht mehr zählen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden 1,5 Millionen Roma und Sinti aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet. Der Porajmos, die Vernichtung der Roma im Zweiten Weltkrieg, war die bisher schlimmste Phase in der Verfolgungsgeschichte der Roma. Roma trugen einen bedeutenden Teil zur Befreiung bei. Sie kämpften in der Roten Armee, bei den Partisanen, […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Nicht alle Roma verlassen die Ukraine und nicht alle werden Opfer diskriminierender Behandlungen. Doch die Berichte über Diskriminierung von Romnja* an den Grenzen nehmen zu. Sie werden nicht in Autos mitgenommen, Busunternehmen weisen sie ab. In den Ankunftsorten werden sie aus unerfindlichen Gründen von den „weißen“ Ukrainer:innen separiert. Auch in den Ankunftsorten in Deutschland gibt es Schwierigkeiten. Es braucht große Räume Überwiegend Frauen und Kinder sind auf der Flucht, mit Jugendlichen und manchmal pflegebedürftigen Angehörigen. Sie mussten sich von ihren […]

    Read more →