Abschiebungsanordnung nach 27 Jahren. Wir fordern ein Bleiberecht für Hikmet!

04/04/2015 22:24 12 comments

Abschiebungsanordnung nach 27 Jahren. Wir fordern ein Bleiberecht für Hikmet!

Hikmet P. alias Prince H. hat am 8. und 10. April Auftritte in Berlin – einmal auf einer Bühne am Brandenburger Tor während der zentralen Veranstaltung des Bundes Roma Verbands zum internationalen Tag der Roma – und dann am 10. April zum Abschlusskonzert im Ballhaus Naunyn.

Diese Auftritte sind lange angekündigt! Am 2. April schreibt die Ausländerbehörde Essen dann einen Brief, dass Hikmet sich bereithalten solle: für seine Abschiebung am 9. April. Dazwischen liegt ein Wochenende und zwei Feiertage, die Zeit für offizielle Proteste ist knapp. Doch wir werden sie nutzen.

Wir sagen: Das geht nicht! Er hat keine Zeit. Er ist in Berlin, um dort mit allen für alle für sich wir dich mich zu kämpfen. Kommt doch und holt ihn, würden wir gerne provokativ sagen, doch eigentlich ist das nicht was wir wollen.

Hikmet und seine Brüder sind in Deutschland aufgewachsen. Ihr ganzes Leben war ein einziges Hin und Her.
Hikmet ist seit 27 Jahren in Deutschland. Auch nur in Erwägung zu ziehen ihn abzuschieben ist eine absolute Zumutung.
Wir sagen: Er sollen selbst entscheiden können, wo er lebt!

Diese ganze Abschiebepolitik, die den Einzelnen keine Lösungen verspricht sondern nur Probleme bereitet, hat nicht nur individuell fatale Folgen, sie ist auch gesamtpolitisch keine Lösung! Hört endlich auf damit, deutsche Probleme nach sonstwohin abzuschieben! Lasst die Leute bleiben, wenn sie wollen!

alle bleiben.



hikmet_fhdrLest, was Hikmet über sein Leben schreibt:

Ich bin 1981 im Kosovo geboren, in Pristina. Dort bin ich mit 6 Jahren zur Grundschule gegangen, in die 1. Klasse in Prizren. Ich war nie im Kindergarten. Als ich 7 Jahre alt war sind meine Eltern mit mir und meinen jüngeren Bruder (Kefaet, damals 4 Jahre alt) im Jahr 1988 nach Deutschland geflohen. Vor dem Krieg im Kosovo.
In Deutschland wurden wir in Essen Haarzopf dem Flüchtlingsheim zugewiesen und ich ging dann zur Grundschule. Wieder zur 1. Klasse und musste die 2. Klasse wiederholen wegen der deutschen Sprache. Nach Beendigung der 4. Klasse zogen wir um nach Essen Hollsterhausen in eine reguläre Wohnung. Ich bin dann deswegen, statt auf die Realschule, auf die Hauptschule gegangen, wegen der Freunde. Weil wir die Fehlinformation bekamen, »die Familie hätte eine Abschiebung« sind meine Eltern mit mir und meinem Bruder nach Holland geflohen für 2 Wochen und wir kamen wieder zurück nach Deutschland / Essen und stellten ein erneuten Asylantrag und wurden dann zugewiesen nach Essen Heisingen, erneut in ein Flüchtlingsheim. Da bin ich wieder zur Schule gegangen und blieb wieder sitzen in der 6. Klasse, wegen der ganzen Situation und den ganzen Umzügen. In der Zeit ging ich auch gar nicht draußen, wegen den neuen Orten, sogar als wir wieder umgezogen sind, in ein anderes Flüchtlingsheim, in Essen Altendorf, ging ich kaum raus und habe mich viel mit »keybordspielen beschäftigt«. Als ich 13-14 Jahre alt war und wir in Essen Frohnhausen in eine reguläre Wohnung gezogen sind, traute ich mich wieder raus, weil man die Leute auch langsam kannte. Ich fing an zu tanzen und Musik zu machen, in dem ich selber anfing zu rappen und zu singen und zu tanzen auf meine Beat’s.
Nach dem ich meine 10 Schuljahre voll hatte, ging ich – nach der 9. Klasse noch 1 Jahr zur Berufschule. Ich habe in meiner Freizeit hart trainiert und hatte viele Auftritte, für die ich das alles gemacht habe. Nach der Berufschule ging ich ein Jahr lang bei Mc Donald’s arbeiten und machte danach, im Jahr 2000 eine Maßnahme zum Veranstaltungstechniker bei »Ethno Art Ruhr« (eine Weltmusik-Agentur in Essen). Dort habe ich Veranstaltungstechnik gelernt und habe diverse Kurse in Büroorganisation absolviert, ich hatte dort ein eigenes Büro und war für die Förderung der Hip-Hop-Kultur zuständig. Somit habe ich die Netzwerke der Hip-Hop Jugend in Rap, Gesang und Tanz, gefördert. Ich hab vor allem viele Auftritte auf die beine gestellt, was der Jugend und auch mir sehr gut getan hat. 4 Jahre lang war ich dort beschäftigt. Im Rahmen dieser Tätigkeit (2004/2005) leitete ich zusätzlich eine Arbeitsgruppe in der Gesamtschule Holsterhausen und gab dort ein Jahr lang Tanzunterricht für die Schüler und Schülerinnen.
Danach habe ich für diverse Zeitarbeitsfirmen gearbeitet, zwischendurch 1,5 Jahre bei Mercedes Lueg als Autoaufbereiter. Nebenbei machte ich immer Musik und hatte zwischendurch auch Auftritte mit meinem Bruder Kefaet. 2007 machte ich einen Deutschen Vizemeister und den 4. Platz in der Weltmeisterschaft für Electric Boogie und Hip-Hop-Tanz. Mit meinem Bruder plante ich den Durchbruch mit unserer Musik – dann kam ein starker Schicksalsschlag und meine Brüder wurden in den Kosovo abgeschoben. Unsere Pläne froren genauso wie die Musik ein und blieben stehen.
Ich ging dann nur noch arbeiten, um meinen Brüdern Geld zu schicken, damit die dort wenigstens ein bisschen hätten, auch wenn es so gut wie nicht wirklich gereicht oder geholfen hat. Ich ging noch mal mit 29 Jahren zur Volkshochschule, um meinen Realschulabschluss nach zu holen und nebenbei habe ich Vollzeit gearbeitet.
Aufgrund meiner persönlichen Situation und der hohen Belastung, unter der ich nach der Abschiebung meiner Brüder stand konnte ich meine Ziele nicht mehr verfolgen. Dann habe ich auch noch falsche Entscheidungen getroffen, die mir leid tun und mir Arbeitsstunden und eine Bewährungsstrafe eingebracht haben, da ich die Verantwortung für die Taten eines anderen übernommen habe. In Folge dessen hat mit die Ausländerbehörde den Aufenthalt entzogen und mir seitdem eine Duldung gegeben die jeden Monat immer für einen Monat verlängert wird. Wegen diesem Status habe ich bis heute Probleme eine Ausbildung zum Tontechniker zu machen. Außerdem habe ich Probleme Jobs zu bekommen, auch wegen der einmonatigen Duldungszeiten.
Jedoch habe ich und tue es immer noch, mich immer für die Jugend, Zivilcourage, Menschenrechte, Bildung und Kultur eingesetzt mit meiner Person und meinen Talenten in Musik und Tanz und bin auf Charityveranstaltungen wie Aids-Galas und für Menschenrechte aufgetreten. Das tue ich auch Überzeugung, weil ich eigene Herkunftsprobleme habe, weil ich ein Fremder im eigenen Herkunftsland bin und dort nicht willkommen wäre. In Deutschland bin ich zuhause, aber auch nicht willkommen weil man mich jetzt abschieben will und mich nicht meine Träume, Ziele, Wünsche und auch nicht mein Zuhause sichern lässt sondern mir das auch noch weg nehmen will und meine Identität löschen will und ich verschwinden soll.

12 Comments

  • Konstantin Adamopoulos

    Ist das mein Deutschland, wie ich es für mich zu verstehen gelernt habe? Wenn das die Entsprechungen sind des Artikel 1 des Grundgesetzes, wo bin ich naiver Tropf nun gelandet?

    Ich habe Dich, Hikmet und Deinen Bruder Kefaet erst heute kennengelernt und doch für intensive drei Stunden. Mit Euch erlebe ich mich verbunden. Danke dafür.

  • Anil Can Aydin

    Hoffentlich bleibst du hier hikmet einer der hilfsbereitesten den ich kenne. Unterschreibt!!!

  • Stop Deportation!!

  • Rene Salim

    Ich bin nicht groß informiert über das Abschiebungs-Rechtssystem, aber wenn eine Person seit 27 Jahren in einem Land lebt und die Sprache spricht, dann verstößt es doch gegen alle Menschenrechte, sie des Landes zu verweisen. Ich hoffe die Abschiebung kann gestoppt werden.

  • Ich kann nicht soviel essen wie ich Kotzen muß .

  • Frank Witzke

    Das ist weder “Abschiebung” noch “Repatriierung”. Dafür gibt es, zumal nach dieser Lebensgeschichte, in der deutschen Sprache ein anderes Wort: “Deportation”!

  • Daniel Riesinger

    Das is halt so grob sortiert wie sehr es brauchen. Das Individuelle wird ausgeschlossen. Wünsche viel Glück mir der Aktion..

  • Bye bye

  • Ich hoffe sehr, es gelingt, die Abschiebung von Hikmet zu stoppen!

  • ralf kuhn

    Nach 27 jahren ?ham die ne macke?

  • saner güngör

    Ich kenne Hikmet und seine ganze Familie persönlich, seit knapp 10 jahren. Das ich sowas lesen muss ist leider total beschämend und ein wiederspruch in sich. Hikmet ist definitiv die falsche person die der Deutsche Staat ins Visier genommen hat. Genau so wie mit seinen Brüdern davor. Wenn ethnische Herkunft, politische unterdrückung, Rassentrennung, Familienbruch und Unfaires Verhalten vom Staat auf einen nenner gebracht wird, dann ist es leider bei dieser Familie.
    Ich wun wünsche dir das aller beste und viel Erfolg für dein Aufenthalt in der “Bundesrepublik Deutschland”.

Leave a Reply


 

Weitere Nachrichten

  • News Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    Unterstützt unsere gemeinsame Kampagne – Pass(t) uns allen

    In Deutschland leben aktuell mehr als 11 Mio. Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. 1,5 Mio von ihnen haben keinen deutschen Pass, obwohl sie hier geboren sind. Zugleich liegt die Einbürgerungsquote mit unter 2% im unteren Drittel der EU. Wenn Menschen, die seit Jahren hier leben oder hier geboren sind, nicht vor Abschiebung geschützt sind, nicht wählen dürfen und in ihrem Alltag zahlreichen Beschränkungen unterliegen, ist das nicht nur ungerecht, sondern auch ein massives Demokratiedefizit! Auch angesichts rechtsterroristischer Anschläge und Alltagsrassismus ist […]

    Read more →
  • News 30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    30.11.2022 Antirassistischen Demo anlässlich der IMK 2022 in München

    Mittwoch, 30.11.2022 – 18.00 Uhr – Geschwister-Scholl-Platz Welche Sicherheit? Wessen Sicherheit? Wir haben ein Sicherheitsproblem! Am 08. August 2022 erschießt die Polizei den 16-jährigen Mouhamed Lamine Dramé, der aus dem Senegal nach Deutschland geflüchtet war. Die Betreuer*innen seiner Jugendhilfeeinrichtung hatten die Polizei verständigt, um eine Selbstverletzung zu verhindern, da er sich in einer psychischen Krise befand. Als die Polizei eintraf, saß Mouhamed in einem Innenhof. Es ging keine Gefahr von ihm aus, trotzdem griffen die Polizist*innen ihn an und schossen […]

    Read more →
  • News Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August

    Angriff auf Roma – 30 Jahre Pogrom von Rostock-Lichtenhagen. Demo am 27. August Im August 1992 haben Rechtsextreme und „besorgte Bürger:innen“ tagelang Geflüchtete, vor allem Roma, sowie vietnamesische Vertragsarbeiter:innen angegriffen und ihre Unterkünfte in Brand gesteckt. Dieser Pogrom war das Ergebnis der politischen und medialen Hetze gegen Geflüchtete Anfang der 1990er Jahre. Fokus dieser rassistischen Debatten waren Roma. In 2022 jährt sich dieser schlimmste Angriff auf Geflüchtete in der Nachwendezeit zum 30. Mal. Aus diesem Anlass findet am 27. August […]

    Read more →
  • Material News Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Stellungnahme des Bundes Roma Verbands zur Migrationspolitik der neuen Bundesregierung und zum geplanten „Chancen-Aufenthalt“

    Mögliche Perspektiven oder weiterhin Aufenthalte auf Probe? Der Bundes Roma Verband begrüßt die Weiterentwicklung des Aufenthaltsrechtes und die neu geschaffenen Möglichkeiten für viele langjährig Geduldete in der Bundesrepublik Deutschland. Der BRV kritisiert aber die Nichtbeachtung der Interessen und der Situation vieler in Deutschland lebender Roma. Aufgrund der Desintegrationspolitik der letzten Jahrzehnte werden Langzeitgeduldete es auch weiterhin schwer haben, die geforderten Bedingungen zu erfüllen. Gleichzeitig wird es Ausländerbehörden nach wie vor leicht gemacht, die neuen Möglichkeiten für schutzsuchende Roma nicht anzuwenden. […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News spende Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Geflüchtete Roma aus der Ukraine in Polen Ein Reisebericht des Roma Centers

    Am 26. April fährt die Delegation des Roma Centers in Göttingen los und kommt um 3 Uhr morgens in Krakau an. Nach wenigen Stunden Schlaf treffen wir uns mit der Vorsitzenden und weiteren Ehrenamtlichen der polnischen Roma-NGO Harangos. In einem Hostel haben sie mehr als 100 Roma, überwiegend Frauen und Kinder, untergebracht, die aus der Ukraine geflohen sind und von den offiziellen Unterstützungs-Strukturen komplett im Stich gelassen wurden. Nachdem wir von ihrer desolaten Situation erfahren hatten, haben wir mit mehreren […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Justice for Kosovo Roma. Kosovo Roma Rights Coalition bei EU Roma Week

    Am 16. Mai ist International Roma Resistance Day. An diesem Tag fand 2022 die Eröffnung der EU-Roma Week im Europaparlament in Brüssel statt. Die Kosovo Roma Rights Coalition (KRRC), ein Zusammenschluss von Roma-Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern, hat dort die Veranstaltung »Justice for Kosovo Roma« durchgeführt. Die Veranstaltung wurde gestreamt, jedoch ist die Übersetzung der Beiträge von Romanes auf Englisch eher schwach, daher berichten wir hier ausführlich darüber. In Europa erleben wir derzeit einen Krieg, in dem Roma nicht nur […]

    Read more →
  • News Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Nie wieder Krieg! 7. und 8. Mai 2022: Demos zum Tag der Befreiung in Göttingen

    Samstag, 7. Mai 2022 Demonstration um 14 Uhr am Gänseliesel, Göttingen. Vor wievielen Kriegen Roma geflohen sind, in wievielen Kriegen sie vertrieben wurden, können wir nicht mehr zählen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden 1,5 Millionen Roma und Sinti aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet. Der Porajmos, die Vernichtung der Roma im Zweiten Weltkrieg, war die bisher schlimmste Phase in der Verfolgungsgeschichte der Roma. Roma trugen einen bedeutenden Teil zur Befreiung bei. Sie kämpften in der Roten Armee, bei den Partisanen, […]

    Read more →
  • Lebensgeschichte Material News Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Bewegungsfreiheit und Schutz für Roma aus der Ukraine!

    Nicht alle Roma verlassen die Ukraine und nicht alle werden Opfer diskriminierender Behandlungen. Doch die Berichte über Diskriminierung von Romnja* an den Grenzen nehmen zu. Sie werden nicht in Autos mitgenommen, Busunternehmen weisen sie ab. In den Ankunftsorten werden sie aus unerfindlichen Gründen von den „weißen“ Ukrainer:innen separiert. Auch in den Ankunftsorten in Deutschland gibt es Schwierigkeiten. Es braucht große Räume Überwiegend Frauen und Kinder sind auf der Flucht, mit Jugendlichen und manchmal pflegebedürftigen Angehörigen. Sie mussten sich von ihren […]

    Read more →